Warum werden psychische Erkrankungen oft unterschätzt?
Im Gegensatz zu körperlichen Einschränkungen sind psychische Beeinträchtigungen für den Gutachter schwerer direkt zu beobachten. Viele Betroffene „funktionieren" beim Termin besser als im Alltag – durch Anspannung, Fremdheitsgefühl oder Schamgefühl. Das führt systematisch zu Untererfassung.
Relevante NBA-Module bei psychischen Erkrankungen
| Modul | Typische psychische Einschränkungen | Max. Punkte |
|---|---|---|
| Modul 3 (Verhaltensweisen/psychische Problemlagen) | Unruhe, Aggressivität, Angst, Weinen, Schlafstörungen, selbstschädigendes Verhalten, Wahnvorstellungen | 65 Punkte |
| Modul 2 (Kognition) | Konzentrationsstörungen, Entscheidungsunfähigkeit, Gedächtnisprobleme | — |
| Modul 4 (Selbstversorgung) | Körperpflege, Essen – bei schwerer Depression oft vernachlässigt | — |
| Modul 6 (Soziale Teilhabe) | Sozialer Rückzug, Unfähigkeit außerhäusliche Aktivitäten zu unternehmen | — |
Häufige Fehler bei der Begutachtung psychischer Erkrankungen
- Betroffene „funktionieren" beim Gutachtertermin besser als im Alltag → schlechte Tage und Krisen müssen explizit beschrieben werden – am besten mit Pflegetagebuch
- Angehörige schildern den Alltag zu positiv → Ehrlichkeit ist entscheidend, auch wenn es schwerfällt
- Psychiatrische Diagnosen ohne konkreten Alltagsbezug nennen → „schwere Depression" allein reicht nicht; konkrete Einschränkungen müssen benannt werden: „Ich kann 5 Tage pro Woche nicht aufstehen"
Konkret beschreiben: Nicht: „Ich habe Depressionen." Sondern: „An 4–5 Tagen pro Woche verlasse ich das Bett nicht, wasche mich nicht und esse kaum. An diesen Tagen brauche ich Unterstützung für alle Alltagsaktivitäten."
Welche Erkrankungen können zu welchem Pflegegrad führen?
- Leichte bis mittlere Depression: Pflegegrad 1–2 (wenn Alltagseinschränkungen dokumentiert)
- Schwere Depression mit vollständiger Antriebslosigkeit: Pflegegrad 2–4
- Schizophrenie mit Positivsymptomatik (Wahnvorstellungen, Halluzinationen): Pflegegrad 2–4, je nach Alltagsbewältigung
- Schwere Angststörung mit Agoraphobie: Pflegegrad 1–3
Beratung für Menschen mit psychischen Erkrankungen
Psychosoziale Einrichtungen wie betreutes Wohnen, Tageskliniken und psychiatrische Sozialdienste können beim Pflegeantrag unterstützen. VdK und Verbraucherzentrale helfen bei Widersprüchen.
Häufige Fragen zu Pflegegrad bei psychischen Erkrankungen
Bekommt man bei einer psychischen Erkrankung überhaupt einen Pflegegrad?
Ja. Seit Einführung des NBA-Systems 2017 werden psychische Einschränkungen gleichwertig zu körperlichen berücksichtigt. Insbesondere Modul 3 (Verhalten und psychische Problemlagen) mit bis zu 65 Punkten ermöglicht erhebliche Pflegegradeinstufungen – wenn die Einschränkungen konkret dokumentiert werden.
Was wenn der Betroffene beim Gutachtertermin nicht reden kann oder will?
Eine Begleitperson kann alle relevanten Informationen schildern. Wenn der Betroffene aufgrund seiner Erkrankung nicht sprechen kann oder will, ist das selbst ein wichtiges Zeichen für die Schwere der Einschränkung. Der Gutachter muss das berücksichtigen.
Kann der Pflegegrad entzogen werden, wenn es einer psychisch erkrankten Person besser geht?
Ja, wenn eine Wiederholungsbegutachtung zu einer niedrigeren Einstufung führt. Bei psychischen Erkrankungen mit schwankendem Verlauf sollte das Pflegetagebuch kontinuierlich geführt werden, um schlechte Phasen nachweisen zu können.
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